Kognitive Einschränkungen und Schlafprobleme gehören zu den häufigsten Gesundheitsbeschwerden im Alter. Wie stark sie die Lebenserwartung beeinflussen, ist noch nicht vollständig geklärt. Ebenso untersucht die Forschung, ob und wie Luftschadstoffe, Lärm und extreme Temperaturen das Gehirn schädigen können. Auch der städtische Lebensstil – etwa Bewegungsmangel, Stress, soziale Isolation oder Umweltbelastungen – kann dabei eine Rolle spielen. Die NAKO Gesundheitsstudie hilft, diese Zusammenhänge besser zu verstehen und Wege zu finden, Demenz früher zu erkennen und wirksamer vorzubeugen.
Deutschland befindet sich im demografischen Wandel. Der Anteil der über 60jährigen steigt stetig, desgleichen die Inzidenz von Demenzsyndromen. Wie steht es um die mentale Gesundheit in Deutschland? Auf der International NAKO Conference in München befassten sich ein Hauptreferat und sechs Posterpräsentationen mit der Fragestellung, welchen Einfluss innere und äußere Faktoren auf die geistige Gesundheit haben. Nachlassende Kognition im Alter gilt als relevanter Demenzmarker.
Wechselwirkungen von Schlaf und Kognition
Erholsamer Schlaf ist für die Hirngesundheit von fundamentaler Bedeutung. Epidemiologische Studien belegen, dass fast die Hälfte der Senioren von Schlafstörungen betroffen ist. Kognitive Störungen, von leichten Defiziten bis zur Demenz, sind im Alter gleichfalls weit verbreitet. Schlafstörungen können kognitiven Abbau beschleunigen und das Überleben negativ beeinflussen.
Trotz intensiver Forschung bestehen noch Wissenslücken: Schlaf und kognitive Leistung wurden meist getrennt untersucht, und viele Erkenntnisse stammen aus nicht-europäischen Bevölkerungen. Zudem prüften nur wenige Studien, wie sich Schlaf und Kognition im Laufe des Alterungsprozesses zeitlich verändern. Soziodemografische Faktoren und Begleiterkrankungen wurden dabei häufig nur unzureichend berücksichtigt.
Jayanta K. Bora und sein Team des Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn und dem Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock untersuchten in einer prospektiven NAKO-Analyse Interaktionen von kognitiven Funktionen und Schlafmustern bei älteren Menschen in Deutschland (60–74 Jahre). Hypothese: Kognition und Schlafmuster beeinflussen die Sterblichkeit jeder Ursache bei älteren Erwachsenen unabhängig und gemeinsam. Die Ergebnisse stellte Jayanta K. Bora in seinem Vortrag “The Interplay Between Cognitive Function and Sleep Patterns in Relation to Mortality Among Older Adults in Germany: Evidence from NAKO Data” vor.
Eigenständige, parallel auftretende Risikomarker
54.998 der 205.415 NAKO-Teilnehmenden aus den Jahren 2014 bis 2019 wurden in die Analyse einbezogen. Für sie lagen Daten aus Interviews, Fragebögen, körperlichen Untersuchungen und Bioproben vor. Die geistige Leistungsfähigkeit wurde mit zwei Tests zu Wortgedächtnis und Denk- und Handlungssteuerung (Exekutivfunktion) erfasst; das Schlafverhalten wurde in neun Bereichen erhoben. Als weitere Einflussgrößen berücksichtigten die Forschenden soziodemografische Merkmale sowie Angaben zu Lebensstil und Gesundheitszustand. In den Modellrechnungen untersuchten sie den Zusammenhang von geistiger Leistungsfähigkeit und Schlafmustern mit der Sterblichkeit – sowohl getrennt als auch gemeinsam.
Die Überlebensrate nach zehn Jahren war bei Menschen mit bei geringer Exekutivfunktion ähnlich niedrig wie bei Menschen mit Schlafproblemen: Sie lag bei 96 Prozent ohne schwere Beeinträchtigung und bei 88 Prozent bei schweren Einschränkungen. Berücksichtigte man weitere Einflussfaktoren, war das Sterberisiko bei starken Schwierigkeiten in diesen geistigen Fähigkeiten und bei Schlafproblemen, die den Alltag tagsüber beeinträchtigen, etwa doppelt so hoch.
Besonders stark hing das Sterberisiko mit mehreren gleichzeitig bestehenden Erkrankungen zusammen. Schnarchen und Atemaussetzer im Schlaf spielten dagegen kaum eine Rolle. Sowohl eine kurze Schlafdauer von weniger als sieben Stunden als auch eine lange von mehr als neun Stunden waren mit einem höheren Sterberisiko verbunden. Ein geringeres Risiko zeigte sich bei Frauen sowie bei Menschen mit guter körperlicher Fitness und Normalgewicht. Ein höheres Risiko war mit Untergewicht, Rauchen, Arbeitslosigkeit und dem Verlust des Partners verbunden.
Die Autoren schlussfolgern: „Bei Menschen zwischen 60 und 74 Jahren hingen entsprechend der aktuellen Studie sowohl nachlassende geistige Fähigkeiten als auch Schlafprobleme jeweils für sich mit der Lebenserwartung zusammen. Die Faktoren alleine hatten keine Auswirkungen auf den Zusammenhang des anderen. Deshalb sollten beide Faktoren – kognitive Beeinträchtigungen und Schlafstörungen – unabhängig voneinander beachtet werden.“
Faktoren für kognitiven Abbau identifizieren
Eine weitere Studie mit 70.000 NAKO-Teilnehmenden (19–74 Jahre, 2014–2019, Follow-up 2020 und 2022; Wang Y. et al.) untersuchte Auswirkungen der Umwelt auf die geistige Gesundheit. Im Ergebnis wurden Stickoxide (NO2), die Lufttemperatur, die Anzahl der Hitzetage und die Bevölkerungsdichte als Risikofaktoren identifiziert. Relative Luftfeuchtigkeit, „Grünheit“ und Niederschlag erwiesen sich als Schutzfaktoren.
Wechselwirkungen von Umwelt und Urbanisierung mit neurokognitiven Funktionen waren das Thema einer Studie mit 25.677 NAKO-Teilnehmern (Ogurtsova K. et al.). Erhöhte Langzeitbelastung mit Feinstaubpartikeln in der Luft und Verkehrslärm waren mit schlechterer Kognition assoziiert. Der Grad der Urbanisierung spielte zudem eine Schlüsselrolle: Obwohl die Umweltbelastung in ländlichen Gegenden deutlich reduziert war, beobachtete man dort schlechtere kognitive Funktionen als in Städten.
Wie wirken sich Lufttemperaturen auf die Kognition aus? Eine NAKO-Studie (186.250 Teilnehmende; Nikolaou N. et al.) ergab, dass sinkende Temperaturen mit der Kognition negativ assoziiert sind. Dies betrifft vor allem jüngere (<45 Jahre) und ältere Teilnehmende (>65 Jahre) sowie Bewohner urbaner Regionen.
Eine weitere NAKO-Studie analysierte Auswirkungen von Luftschadstoffen auf die Kognition (115,920 NAKO-Teilnehmende, 45–74 Jahre; Li Q. et al.). Langzeitbelastung mit Feinstaubpartikeln (PM2,5, PM10) war mit Störungen des Gedächtnisses und der Exekutivfunktion assoziiert. Ein Hinweis darauf, dass Luftreinhaltung zur kognitiven Gesundheit der Bevölkerung beiträgt, insbesondere bei älteren Menschen.
Autor: Eberhard J. Wormer
Veranstaltung: International NAKO Conference 2026
Webseite: www.nako.de/conference
Wissenschaftliche Leitung: Dr. Marie-Theres Huemer, Prof. Dr. Wolfgang Lieb, Prof. Dr. Annette Peters, Prof. Dr. Tobias Pischon, Prof. Dr. Tamara Schikowski
Termin: 03.09.2026–04.09.2026
Ort: Kongresszentrum Helmholtz Munich, Ingolstädter Landstr. 1, D-85764 Neuherberg
Veranstalter: Helmholtz Munich
Organisation: NAKO e.V.
Kontakt: conference@nako.de